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Santiago de Compostela und sein Parador



 

Santiago, Freibrief für die Ewigkeit


Parador de Santiago de Compostela

Niemand kann besser als der Tourist sich dem magischen und wundersamen Phänomen von Compostela nähern und dieses verstehen. Was ist ein Tourist, wenn nicht ein Fremder, ein Pilger, ein Ideenhändler, ein Sammler von Reliquien? Er überquert Flüsse und Berge , zieht vom Kloster zum Gasthaus; überwindet Unwirtlichkeiten, Verspätungen und vielfache Mühen auf der Suche nach Erholung und endgültiger Erfüllung der Sehnsüchte seines Geistes und der Bedürfnisse seines Körpers. Und das Bestreben, zu reisen um zu reisen, also ein anderes Leben kennen zu lernen und zu leben.Tourist und Pilger sind Reisende auf der Suche nach ähnlichen Zielen: der Vollendung eines Wunders. Ruhe und Dankbarkeit nach aller Hetzerei und den Wechselfällen des Lebens bei der langen Wanderung durch den Alltag: das Jubiläum verdienen.

Das Wunder begann in der ältesten Schmiede aller Zeiten, in prähistorischer Zeit. Damals -mehr als 3.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung- dienten die ruhigen Täler des Sar und des Sarela den Eingeborenenstämmen als Heim, Zufluchtsort und Quartier. So bezeugen es die zahlreichen “mamoas” (Grabdolmen). Und so bestätigt es viele Jahrhunderte später, bereits in der Eisenzeit, die Existenz von befestigten Siedlungen in der Umgebung und bis hinein in das Gebiet dieser ewigen Stadt. Diese ersten Ureinwohner lernten mit der Invasion der Kelten eine gewisse Zivilisation kennen. So wurde der "Druidismus" geboren, die erste magisch-religiöse Manifestation, die alle Jahrhunderte überlebte und vielleicht auch bis in alle Ewigkeit bestehen wird, zumindest im kollektiven Unterbewusstsein der Galicier.

Bis dann schon bald der römische Eroberer kam, wahrscheinlich auf der Suche nach den metallurgischen Schätzen dieser Böden: vor allem Gold, Silber und Zinn. Bereits im ersten Jahrhundert hatten die kaiserlichen Legionen in diesen Landstrichen des “Finis Terrae” Fahnen eingerammt und Lager eingerichtet. Durch dieses Umland verliefen die Straßen III und IV der Route des Antoninus, um Astorga mit Braga und Brigantium mit Iria Flavia zu verbinden. In den letzten Jahrhunderten des Imperiums wurde genau unter der Kathedrale eine “Civitas” errichtet, wie gründliche und neue archäologische Ausgrabungen ergaben. Etwas später, aber immer noch früh für die Geschichte, sollte Compostela entstehen, ersehntes Ziel und Punkt erlösender Begegnungen für die mittelalterliche Christenheit und für die folgenden Generationen.Es sollte im ersten Jahrzehnt des 9. Jahrhunderts sein, als der Erzbischof Teodomiro von Iria Flavia (heute: Padrón), von einem Eremiten namens Pelayo aufmerksam gemacht, das Grab der “Arca Marmorica” inspizieren sollte. Und “wegen der vielen gefundenen Spuren” entschied er, es handele sich um das Grab des Apostels Jakobus des Älteren, Sohn des Zebedäus.

Unter diesen Vorzeichen wird aus der Geschichte Legende und Tradition; sie wird reicher: Sie bewirkt Wunder. Die mittelalterlichen Berichte lassen keine Zweifel zu: Obwohl man nicht so genau weiß wann, ist es sicher, dass der Apostel in diese Lande kam und dazu die Reise eines phönizischen Handelsschiffs nutzte. Der Heilige predigte und predigte in Orense, in Tuy, in Braga, in Lugo, in Astorga... Bis er dann sieben Jahre später entschied, nach Jerusalem zurückzukehren, wo er Schriftgelehrten und Pharisäern in die Hände fiel. Er wurde zum Tode verurteilt und rigoros enthauptet. Seine Schüler aber bargen im Schutze der Nacht seinen Körper. Um ihm ein gebührendes und christliches Begräbnis an einem fernen und sicheren Ort zu verschaffen, schifften sie sich nach Iria ein.Glücklich am Ziel angelangt, sahen sich die Schüler -Fremde im feindlichen Land- in großen Schwierigkeiten, einen versteckten und angemessenen Ort zu finden, der dem Meister als Grab dienen könnte.

Sie verhandelten mit einer mächtigen und reichen Witwe namens Lupa, Herrin über ausgedehnte Ländereien in dieser Gegend. Nach langem Hin und Her wurden die Schüler von den römischen Behörden festgenommen, aber sogleich wieder dank des günstigen Eingreifens eines himmlischen Engels befreit.Zuletzt gab die unentschlossene und ängstliche Lupa nach und stellte einen Platz für das Grab zur Verfügung: Der gewählte Ort sollte am Monte Ilicino liegen, wenige Meilen von ihrer Festung Castro Lupario, dessen Ruinen noch erhalten sind, entfernt. Damals war es ein Druidenplatz, von einer wilden Schlange verteidigt und behutsam respektiert vom ängstlichen römischen Invasor. Dort wurde der Körper des Heiligen Apostels beerdigt, gleichzeitig starb die Schlange blitzartig.Jahrelang verehrten die Bewohner von Iria Flavia das Apostelgrab, das zeitweise in Vergessenheit geriet, bis der bereits genannte und ehrwürdige Teodomirus das Grab im 9. Jahrhundert wieder entdeckte. Als er von den Ereignissen erfuhr -die Legende verschmilzt bereits mit der Geschichte und wird mit dieser verwechselt-, eilte König Alfons II., der Keusche genannt, mit seinem vollen Hofstaat zum Apostelgrab. Santiago (Der Hl. Jakobus) wird offizieller Schutzpatron des Reiches.

Die Nachricht breitete sich aus und gelangte nach Frankreich. Sogleich kamen die ersten europäischen Pilger an, um die Überreste des Apostels zu verehren; außerdem begierig darauf, die verlockenden Ländereien des nachbarlichen und legendären arabischen Reiches kennen zu lernen. Die Anzahl der Pilger wuchs so stark an - über sämtliche Grenzen kamen sie - dass König Alfons III. den Bau einer großen Basilika in den letzten Jahren des 9. Jahrhunderts anordnen musste. Aber der neidische und ungläubige Almanzor ebnete ein Jahrhundert später die Kathedrale und die Stadt wieder ein. Da die Geschichte aus der Not eine Tugend zu machen pflegt, verwandelte sich die durch die Mauren erhaltene Schlappe in die notwendig gewordene Gelegenheit zum Neubau von Kathedrale und Stadt. Mit dem festen Rückhalt durch König Alfons VI. begann Bischof Diego Peláez im Jahre 1075 mit dem Bau der heutigen Basilika. Und so entstand das definitive Antlitz Santiagos, einer der schönsten Städte dieses Landes, wie auch der skeptischste Reisende leicht feststellen kann. Aber von Anbeginn an war die Ruta de la Perdonanza („Straße der Vergebung“) genannte Straße, sehr viel mehr als glühende Frömmigkeit.

Sogar die namhaftesten Historiker weisen auf die Tragweite hin, die eine nicht existierende oder zumindest diskutierbare und diskutierte Tatsache wie das Begräbnis des Apostels in diesen Landen nach sich ziehen konnte. Das Phänomen des Camino (des Jakobswegs) war so komplex und von solch großer Bedeutung, dass es das geringste Problem war, ob die hier gefundenen und erhaltenen Überreste wirklich die des Patrons sind. Wichtig ist aber, dass die Menschen im mittelalterlichen Europa dies glaubten. Es wäre in jedem Fall eine Unterrichtsstunde in Kommunikationswissenschaften am Lehrstuhl für angewandte Soziologie wert.Gewitzte Historiker brachten den verdächtigen Zufall an den Tag, dass die Entdeckung des Grabs mit der Ankunft zahlreicher Mozaraber im asturisch-leonesischen Reich zusammenfiel, die aus den maurischen Herrschaftsbereichen geflohen waren, welche den Christen ihre grundsätzlichen Unterschiede, sowohl in religiöser als auch in politischer Hinsicht, mit dem Emirat von Cordoba demonstrieren mussten. Die asturisch-leonesischen Monarchen erkannten die hervorragende Gelegenheit, die das Phänomen des "Camino" ihnen bot, um die Fahne der Reconquista zu erheben und gleichzeitig die christlichen Territorien, stets ein wenig anarchistisch und sehr unruhig, zu vereinen.Die Biegungen der Route führten zu Veränderungen, die in der Gesellschaft jener Zeit beispiellos waren. Es wurden Heere vereint. Es wurde wiederbevölkert. Es wurde urbanisiert. Es wurden Gesetze erlassen. Man betrieb Handel. Man forschte. Man änderte sich: Man entwickelte sich.

Santiago de Compostela Statue

Aber auch an den Rändern des "Camino", im Schatten von Klöstern, Sanktuarien, Herbergen und Spitälern keimten die Samen des Wunders und der Wundererzählungen sowie das Kraut des Gaunertums. Die Chroniken berichten, in Sahagún würde man bereits dicke Geschäfte mit Wein und Sex abwickeln: Geschickte Falschspieler und ausschweifende Frauen böten dem Pilger ihre Dienste im Kartenspiel und in der Wolllust an. In diesem Kloster wurden durch den Weinverkauf Jahreseinkünfte von 3.000 Dukaten gezählt, und unter Mönchen und Pilgern trank man bis zu 150 Liter pro Tag. Aymerico Picaud höchstpersönlich, der Autor des berühmten Pilgerführers, aufgenommen in den Codex Calixtinus, vollbrachte seine Wallfahrt in "Gesellschaft einer flämischen Freundin". Offensichtlich kamen Herbergen, in denen das älteste Gewerbe der Welt angeboten wurde, mehr als nur häufig vor. “Und Diebstahl und Raub und der Verkauf falscher Reliquien waren an der Tagesordnung”. Die Dinge gingen so weit, dass es notwendig wurde, so vielen Schandtaten einen Riegel vorzuschieben. Dies geschah manchmal wieder auf dem Weg eines Wunders. Wie z.B. als der Graf Miguel, ein Cousin des Bernardo del Carpio, bei einer Vergewaltigung überrascht wurde: Als der Apostel davon erfuhr, bewirkte er, dass dem Vergewaltiger “das Gesicht verdreht wurde und die Zunge heraushing. Und nach sieben Tagen starb er...”

Zu anderen Gelegenheiten wurden Gesetze erlassen, zum Beispiel, um die Spekulation zu unterbinden: “Weder innerhalb noch außerhalb der Stadt werden Wiederverkäufer geduldet, auch nicht solche, die auf Messen handeln; und es dürfen weder Fisch noch Fleisch noch Meeresfrüchte gekauft werden, um diese mit Gewinn weiter zu verkaufen, sondern nur für den eigenen Verzehr...”

Gelegentlich wurden auch “Gottesurteile” vollstreckt. Sánchez Albornoz erinnert daran, dass man bei Raub zum Mittel der “caldaria” griff: Der Dieb musste drei kleine Steine aus einem Kessel (spanisch: caldero) mit kochendem Wasser herausholen. Danach wurde sein Arm verbunden und drei Tage später öffentlich wieder entblößt. Wenn Spuren von Verbrennungen zu erkennen waren, so war dies ein unwiderleglicher Beweis für seine Schuld...

Zum Schluss,

“Sie kamen nach Compostela, Gingen zur Kathedrale “Dank sei Dir, mein Herr Santiago;
Zu Deinen Füßen werfe ich mich sogleich nieder;
Willst Du das Leben mir nehmen, So nimm es mir, mein Herr,
So werde ich zufrieden sterben In dieser heiligen Kathedrale...”


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