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Tui und sein Parador



 

Fruchtbare Grenze


Parador de Tui

...“Sehen muss man, was man noch nicht gesehen hat,
das Gesehene nochmals sehen,
im Frühjahr sehen, was im Winter man hatte gesehen,
tagsüber sehen, was man des Nachts sah,
mit der Sonne, was man im Regen sah...”.
( José Saramago )

Äußerst freundlich sind diese Dörfer. Genauso liebenswürdig wie reich; aber stets büßen sie auch ihre Umstände als Grenzgebiet; weder galicisch noch ganz portugiesisch: sie fielen mehr als einmal der Vergessenheit und der Vernachlässigung anheim, meistens aus politischem, d.h. wirtschaftlichem Bestreben. Diese atlantische Grenzlinie mit Portugal musste unter ausartendem Ehrgeiz leiden, aber nie hat man es geschafft und nie soll es gelingen, diese verbrüderten Landstriche zu trennen.
Es sind künstlich verarmte Gebiete. Gleichzeitig aber reich; ja steinreich dank ihrer grandiosen Landschaften, ihrer gemeinsamen Atlantikküste, ihres zwangsläufig unzertrennlichen Brauchtums mit mimischer Kunst und Kunsthandwerk; und das ist auch gut so. Oder der gemeinsamen Sprache, die man nicht zu übersetzen braucht. Oder der großzügig geteilten Speisen. Aber auch mit eigenen und unverzichtbaren Identitätsmerkmalen.

Wenn der Reisende durch diese Gegend streift, wird er kaum feststellen können, auf welcher Seite er sich befindet, gäbe es nicht den Grenzfluss Miño und den ewigen Zug, der beide Ufer verbindet. Schon Plinius hat treffend geurteilt:”... das Leben wurde ihr von griechischer Kultur und Zivilisation eingehaucht: Nachdem Diomedes, der homerische Poet, auf diesen Meeren und Ozeanen infolge der Eroberung Trojas floh, sollte er bis zu diesem Fluss und Meeresarm ankommen und Tuy gründen...”

Hören wir aber die unbestreitbare Diagnose des Eliseo Alonso: “... Uns auf ihre so betörende Geschichte und den Zauber ihrer Steine stützend, finden wir Gefallen an ihrem steinernen Antlitz: dieser Genuss, des Nachts ihre stolzen Ecken, Stufen, Tunnel und Passagen zu betreten, Szenarien von Intrigen und Kirchenbannen zwischen Bistum und dem Adelsstand; Schatten der Gerichtsdiener oder Geheimnis eines Liebesabenteuers. Alte Goldgassen. Lust, Nonnen, San Telmo, Corpo Santo, Barmherzigkeit, Canicouba, Alter Kerker, Entrehornos, Kornspeicher. Dieser Genuss, an einem Fachwerk, einem Konvent, einem Kreuzgang, einer Kirche des 9. Jahrhunderts oder einem Haus mit seinen Wappensteinen vorbeizugehen. Ja dieser Stein der Anhöhe, von der grünen Hand des Mooses gestreichelt; der Stein, der zu Schaum wird in Archivolten, Typanons, Rosetten, Sparrenköpfen...” Tuy sollte zur Hauptstadt einer der sieben Provinzen des alten Königreichs Galicien werden. Es wurde zum Sitz des Hofes von Witiza und der suebischen Könige. Und zum Lieblingsort gleich dreier Doña Urracas. Deshalb wird Tuy auch als Stadt der Doña Urraca bezeichnet: “... Da hatten wir die unbesonnenste der drei, die durch den Bezirk des unteren Miño zog und dort für Skandale sorgte; auch wenn die Stadt immer großzügige Gaben und Schenkungen von den drei Urracas erhalten sollte, sodass die dritte der drei „Vögel“ nun gar stolz den Vorsitz über den Säulengang der Kathedrale innehat.

Parador de Tui Burg

Und so viele andere Persönlichkeiten eines breit gefächerten Spektrums und recht zweifelhafter Tugenden, wie der unbeschreibliche Pedro Madruga, Vicomte de Tuy, der unzählige Plünderungen und schwere Raube auf dem Kerbholz hat.Aber nicht umsonst wurde Tuy auch als “Steinhügel” bezeichnet. So klug wollte dies Eliseo Alonso ausdrücken, ein stirnrunzelnder Erforscher dieser galicischen Landstriche: Alles Nachstehende entstammt seinen Reflektionen: Schon immer haben wir Tuy gern als den Steinhügel bezeichnet: Die Stadt auf einer Festung - einem “Oppidum”- gebaut, und dabei stützt man sich auf vorherige Forschungen paläolithischer Epochen...:

“...Auf legendären und gar mythischen Pfaden müssten wir die Gründung der Stadt zurückverfolgen, von welcher man annimmt, älter als Rom zu sein...”.

So sagte und urteilte der weise Plinius: “...Dies war eine griechische Kolonie ... Bisweilen war es wahrscheinlich Diomedes, der auf seiner Irrfahrt durch das Mittelmeer die tobenden galicischen Küsten zu durchqueren wagte...”.

Falls dem so gewesen ist, wie es scheint, dann wäre Diogenes der angesehene Gründer dieser schönen Stadt TUY. Es ist aber auch wahr, dass andere Gelehrte ganz andere Meinungen vertreten, nämlich dass Tuy seinen Ursprung in einem Lager der Kelten habe: so etwas wie einer Festung oder einem rundherum mit Steinplatten befestigten Lager... Und hier präzisiert Otero Pedrayo: “Apoyados en historia tan sugestiva y en el encanto de sus piedras, nos agrada su vieja y perpetua faz. Es paraíso de numerosos y recónditos recovecos que sólo el viandante podrá, si quiere, descubrir.” “Gestützt auf solch eine fesselnde Geschichte und den Zauber seiner Steine, behagt uns ihr altes, ewiges Antlitz. Sie ist ein Paradies zahlloser versteckter Ecken und Winkel, die nur der Spaziergänger, falls er dies möchte, entdecken kann.” Diese Halbinsel sah sich lange Zeit dem vielfältigen und wiederholten Druck durch eher herrscherische als herrschaftliche Königreiche ausgesetzt. Nach zahlreichen Abkommen und Verträgen wurden die atlantischen “Provinzen” geteilt und wieder neu aufgeteilt, sodass sie schließlich zum Neuen Kontinent wurden. Dieser Kuhhandel wurde durch den so genannten “Vertrag von Tordesillas” besiegelt: Man beschloss – kaum verzeihlich - nichts weniger als eine willkürliche, aber ausreichend abgesprochene und zweckdienliche Linie zu ziehen, sodass mit diesem fiktiven Strich, aber mit dem päpstlichen Segen der Aufteilung von Tordesillas Dauer verliehen wurde: Eine imaginäre Linie, die die neue Welt unter den scheinbar sich in die Quere kommenden Eroberern aufteilen würde. Oder besser gesagt, abenteuerlustigen Opportunisten: viele von ihnen aus reiner Notwendigkeit, und andere auf der Suche nach Abenteuer, Glück und Unglück.

Die häufige Flucht nach und die häufige Rückkehr aus Amerika sollte zu einem nicht enden wollenden Abenteuer werden; aber stets mit versteckten oder verhehlten Absichten: In Wirklichkeit handelte es sich um kontinentale Abenteurer, vor allem Spanier, Portugiesen und Holländer.

Nicht Befriedung, sondern vielmehr Eroberung wurde praktiziert; d.h. Aneignung allen Hab und Guts, aller Reichtümer und gar Kulturen: Die spanischen Invasoren haben alle jene Kulturen dem Erdboden gleich gemacht. Sie rissen sich die Gold- und Silberschätze und die Götzenbilder der Ureinwohner unter den Nagel, welche übrigens keineswegs ungebildet waren. Sie hatten Götter, die unseren ähnlich waren und folgten vergleichbaren moralischen Normen, wie diese seinerzeit in ganz Europa Anwendung fanden.
Und trotzdem nahmen sie die europäischen Invasoren mit Wohlwollen und Bewunderung auf; die atlantischen Invasionen der spanischen Schiffe wurden als Warnungen der wiedererwachten Götter der Sonnen und Himmel gewertet.


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Parador de Tui ****
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